Von Menschen und Mikroben – Barry Marshall

Im Sommer 1984 kratze der australische Forscher Neil Noakes Bakterien aus einer Aufzuchtschale für Mikroben, mixte diese in einen lauwarmen Rindsextrakt, in dem Bakterien im Labor gewöhnlich wachsen, füllte 200 Milliliter davon ab in einen Glaskolben und reichte diesen seinem Kollegen Barry Marshall. Der Gastroenterologe, damals gerade 32 Jahre alt, schluckte den Mix beherzt herunter.

Drei Tage später wurde ihm übel und seine Mutter sagte ihm, er habe üblen Mundgeruch. Kurz darauf begann er sich zu übergeben. Er wartete aber noch einige Tage, bevor er das Antibiotikum zu schlucken begann, das die Bakterien in seinem Bauch wieder abtöten sollte. Eine Magenspiegelung brachte die Erklärung für seine Beschwerden und ihm fast 20 Jahre später den Nobelpreis für Medizin ein.

 

Barry Marshall in LIndau 2014 ©Christian Flemming / Lindau Nobel Laurate Meetings

Barry Marshall in Lindau 2014 ©Christian Flemming / Lindau Nobel Laurate Meetings

Marshall hatte durch seinen Selbstversuch gezeigt, dass Bakterien der Art Helicobacter pylori Entzündungen in der Magenwand hervorrufen, die zu Geschwüren führen können. Er hatte weder ein Ethikkomitee noch seine Ehefrau zuvor um Erlaubnis für dieses Experiment gefragt. Seine Kollegen hielten ihn für verrückt, dieses Risiko einzugehen.

Damals herrschte die Meinung, Magengeschwüre wären eine psychosomatische Sache, die durch zu viel Stress ausgelöst wird. Patienten wurden entsprechend mit Beruhigungsmitteln, Stimmungsaufhellern, Magensäureblockern und Psychotherapie behandelt. Der junge Arzt Marshall behandelte die, die mit Geschwüren zu ihm kamen, hingegen mit Antibiotika und hatte damit großen Erfolg. Er entwickelte seine Hypothese, nach der die spiralförmigen Helicobacter-Bakterien Entzündungen der Magenschleimhaut auslösen, die schließlich zu schmerzhaften Geschwüren und auch Krebs führen können. Und weil es keine geeigneten Versuchstiere gab, um das zu überprüfen, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Bakterien an sich selbst zu testen.

Von da an galt: Nur ein toter Helicobacter ist ein guter Helicobacter. Mit Antibiotika wurde Jagd auf den Keim gemacht. Manche wollten ihn sogar vorsorglich ausrotten. Und Marshall bekam im Jahr 2005 zusammen mit seinem früheren Kollegen Robin Warren den Nobelpreis.

Inzwischen redet allerdings selbst Marshall in einem versöhnlichen Ton über die Mikrobe, etwa so wie über einen alten Freund. Auf der 64. Nobelpreiträgertagung in Lindau berichtete er, dass diese Einzeller vielleicht sogar gegen eine Reihe von Krankheiten helfen könnten.

H. pylori ist ein alter Bekannter der Menschheit. Seit mehr als 50.000 Jahren begleitet der Keim den Menschen und wahrscheinlich leben sie schon viel länger zusammen. Etwa die Hälfte aller Menschen trägt diesen Keim im Magen mit sich herum. Seit den 1950er Jahren nimmt die Zahl der Pylori-Infizierten allerdings kontinuierlich ab. In reichen Ländern ist die Besiedelung bereits deutlich geringer als im Rest der Welt. In den USA beherbergen nur noch 25 Prozent der Erwachsenen und sogar nur rund fünf Prozent der Kinder im Schulalter den Keim. Vor allem verbesserte Hygiene und sauberes Trinkwasser führten zu der Vertreibung der Bakterien, sagt Marshall.

Man könnte meinen, das wäre eine gute Nachricht. Immerhin ist der Keim für drei von vier Magengeschwüren, fast zwei Drittel aller Magentumoren, und nahezu alle Geschwüre im Zwölffingerdarm verantwortlich. So nennen Ärzte jenen Teil des Dünndarms, der gleich an den Magen anschließt.

Doch zeitgleich mit dem Verschwinden dieser Mikroben tauchten andere Probleme auf. Seit den 50er Jahren steigt etwa die Zahl der Menschen, die an wie Allergien, Asthma und Autoimmunkrankheiten leiden. Kinder ohne Helicobacter-Besiedelung leiden häufiger an Hautallergien und Heuschnupfen. Die Bakterien scheinen auch vor der Weizeneiweißunvertäglichkeit Zöliakie zu schützen. Es sieht so aus als würde das Bakterium sogar unseren Appetit steuern. Der amerikanische Arzt Martin Blaser aus New York vermutet deshalb, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Mikrobensterben und der wachsenden Zahl Übergewichtiger auf der ganzen Welt geben könnte.

Blaser war einer der ersten Forscher, die auf die guten Seiten der Bakterien hinweisen. Zum ersten Mal kam ihm dieser Gedanken als er Daten sah, nach denen Menschen mit Magengeschwüren seltener an Sodbrennen leiden und weniger Tumoren in der Speiseröhre entwickeln. Umgekehrt zeigte sich, dass Helicobacter-freie Menschen dafür aber häufiger am sogenannten Reflux leiden, bei dem Magensäure in der Speiseröhre aufsteigt. In manchen Fällen führt das zu Krebs.

Inzwischen sieht auch Barry Marshall, die zwei Gesichter der Mikrobe – das gefährliche und das helfende. Viele Studien deuten darauf hin, dass H. pylori ein wichtiger Trainingspartner ist für das menschliche Immunsystem. Die Bakterien bändigen die Immunabwehr. Fehlen sie, kommt es zu Überreaktionen zum Beispiel gegen Graspollen oder Erdnüsse oder Weizeneiweiß.

Dies müsse ein wichtiger Mechanismus im Verlauf der Menschheitsgeschichte gewesen sein, glaubt Marshall. Als die frühen Menschen Afrika verließen, bewahrte der im Magen mitreisende Keim ihr Immunsystem davor, auf jede neue Pflanze und auf jedes neue Nahrungsmittel mit einer heftigen allergischen Reaktion zu antworten. Wären unsere Vorfahren hingegen die ganze Zeit in Afrika geblieben und hätten lediglich Pflanzen und Tiere aus dem Umkreis von vielleicht 100 Kilometern zu sich genommen, wäre ein solcher Dämpfer für das Immunsystem kaum notwendig gewesen. „Eine Theorie ist, dass die Bakterien eine abwechslungsreiche Ernährung überhaupt erst möglich gemacht haben“, sagt Marshall.

Statt die Mikroben systematisch auszurotten, interessiert sich Marshall deshalb heute vor allem dafür, was passiert, wenn man H. pylori wieder im Magen der Menschen ansiedelt. Natürlich nicht durch einen ordentlichen Schluck aus irgendeiner Bakterienkultur, wie er es einmal getan hat. Es gibt sehr viele verschiedene H.-pylori-Varianten, die sehr unterschiedlich aggressiv sind. Nur die harmloseren sollten für solche Studien genutzt werden, erklärt Marshall, der bereits Patente für einige dieser Mikroben gesichert hat.

Ob eine Wiederbesiedelung mit dem verschollenen Magenkeim tatsächlich vor Allergien schützt, erproben verschiedene Forschergruppen derzeit vor allem an Mäusen. Aber auch Menschen schlucken die Mikroben wieder für Forschungszwecke, Marshall selbstplant derzeit eine klinische Studie. Er glaubt allerdings nicht, dass Erwachsene von einer solchen Behandlung groß profitieren werden. Der Kontakt zu den Mikroben scheint vor allem in den ersten Lebensjahren wichtig zu sein, dann wenn sich das menschliche Immunsystem entwickelt.

In den meisten Fällen vergehen mehrere Jahrzehnte zwischen der Infektion mit den Bakterien und den ersten Symptomen. Somit bliebe theoretisch genug Zeit, um die Mikroben in den ersten Lebensjahren in Ruhe das Immunsystem schulen zu lassen und es vielleicht um den zwanzigsten Geburtstag herum, gezielt mit einem Antibiotikum wieder auszuschalten.

Neugeborenen Bakterien zu verabreichen, die später im Leben vielleicht Krebs auslösen, dürfte bei den meisten Unbehagen auslösen. Auf mehr Akzeptanz könnte eine andere Idee stoßen. „Wir könnten auch nur die Bestandteile der Bakterien verabreichen, die das Immunsystem als Dämpfer braucht“, schlägt Marshall vor. Das sollte mit einiger Sicherheit keine gefährlichen Entzündungen auslösen aber die Immunabwehr zuverlässig in Schach halten. Mögliche Kandidaten für einen solchen molekularen Immunsystem-Dämpfer ohne entzündliche Nebenwirkungen wären Moleküle, die auf der Oberfläche der Bakterienzellen sitzen.

Bei allem neu gewonnenen Wohlwollen für die Mikroben bleibt Marshall in einer Situation kompromisslos: „Sobald das Bakterium Ärger macht, muss es raus.“ Solange der Keim keine Probleme bereitet, darf er bleiben. Anderenfalls wird er mit Antibiotika vertrieben.

Außer H. pylori leben noch mehr als 1000 andere Bakterienarten auf und im Menschen. Etwa 100 Billionen sind es insgesamt. An Ersatztrainern für das Immunsystem mangelt es also nicht.

Comments

  1. karl.mistelberger@nefkom.net'Karl Mistelberger says

    Mein Computer wäre schnell genug, das mp4 -Video abzuspielen, meine Internetverbindung wäre schnell genug, es zu übertragen, allein der Server braucht länger das Video zu übertragen als es dauert. Da bleibt mir nur die Möglichkeit, es herunter zu laden und anschließend anzugucken.

    • Beatrice Lugger says

      Ich habe keine Probleme damit. Vielleicht einfach noch einmal versuche?

      • karl.mistelberger@nefkom.net'Karl Mistelberger says

        Das herunter geladene Video lässt sich einwandfrei angucken. Direkt vom Server abgespielt ruckelt es immer wieder, da dieser die Daten nicht schnell genug anliefert.

        Videos von anderen Websites als http://blog.lindau-nobel.org/ werden einwandfrei abgespielt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>